Der gefallene Guru
Deepak Chopras Freundschaft mit Epstein öffnet mir den Weg zu mehr Selbsterkenntnis
Die Überraschungen der Epstein Dateien machen auch vor meinem spirituellen Leben nicht halt. So erfuhr ich kürzlich, dass der Bestsellerautor, Meditationslehrer, Doktor und Philosoph Deepak Chopra gut mit Jeffrey Epstein befreundet war. Die Recherche in der öffentlich zugänglichen Epstein Library des US-Department of Justice zeigt, dass es sich vielleicht zunächst um eine spirituelle Suche Epsteins handelte, die dann in eine Freundschaft und in gegenseitige Besuche, inklusive der „Epstein Girls“ mündete.
„Gott ist ein Konstrukt, süße Mädchen sind echt“
(Mailkommunikation von Chopra an Epstein, 8. März 2017 )
Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Da sich diese Begegnungen zwischen 2016 bis 2019 zutrugen, lange nach der 1. Verurteilung Epsteins wegen Prostitution von Minderjährigen 2008, kann ich Deepak Chopra nicht entschuldigen. Einen solchen perversen Menschen beraten und Umgang mit ihm gepflegt zu haben, zeugt von Skrupellosigkeit und Selbstgefälligkeit. Es geht hier um ältere Männer, die ihre Sexualität mit Hilfe von Teenagern auslebten.
Die Tageszeitung, The Guardian verweist auf eine Expertenrunde des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen, welche die Epstein-Verbrechen vor dem Hintergrund von völkischen Überzeugungen, Rassismus, Korruption und extremer Frauenfeindlichkeit sähe. Die Verbrechen zeigten eine Entmenschlichung und Kommerzialisierung von Frauen und Mädchen und seien so gravierend, dass sie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft werden sollten.
Diese Vorwürfe stehen den hehren Lehren Chopras diametral entgegen. Also was macht diese Horrorgeschichte mit mir?
Maschinengesteuerte, spirituelle Ausbeutung im Zeichen der KI
Mein Fass läuft über. Ich habe genug von spirituellen Konzernen mit Hunderttausenden von Anhänger:innen, die ihre Weisheiten teuer verkaufen. Chopra hat im letzten Jahr sogar eine generative KI auf den Markt gebracht, die suchende Menschen mit seiner Stimme berät. Sie basiert auf der Bibliothek des Chopra Centers mit allen seinen Büchern, Seminaren, Meditationsreihen und Vorträgen.
Wie zweifelhaft es ist, eine KI mit höchst persönlichen Gedanken zu füttern, beschreibt die Religionswissenschaftlerin Liz Bucar. Der KI-Markt ist gewinnorientiert, intransparent und die Unternehmen unterliegen keiner international anerkannten Gesetzgebung oder ethischen Aufsicht.
Die PR-Beraterin Lisa Braun Dubbels kennt die spirituelle Geldmaschine von innen und erklärt, welchen Datenschutzrisiken sich Suchende aussetzen, die ihre geheimsten Wünsche einer Maschine mitteilen. Wir wissen nicht, für welche Zwecke unsere KI-geführten spirituellen Unterhaltungen missbraucht werden können.
Geführte Meditationen als Krücken
Die letzten Jahre lehnte ich mich bequem in die jeweils 21-tägigen geführten Meditationsreihen des Chopra Centers zurück. Universelle Themen, wie zuletzt „Glaube“, „Überfluss“, „Göttliche Weiblichkeit“ oder „Wünsche und Überfluss“ werden über 21 Tage aufgedröselt und in kleine Meditationshäppchen mit Mantren verpackt. Die Dauer dieser Meditationen variiert zwischen 10 – 25 Minuten, je nachdem, ob Chopras philosophische Einführung übersetzt wird. Die tägliche Meditation wird so zum leicht verdaulichen Konsumprodukt, ohne Anstrengung.
Das ist jetzt für mich vorbei und ich beginne, wie vorher, ohne Krücke zu meditieren. Mein spiritueller Weg ist damit unabhängig von Gurus, die sich als weise und erleuchtet ausgeben, jedoch Sklaven ihres Sexualtriebes sind.
Gedanken als Segelboote
Sich in die eigenständige Meditation zu begeben ist etwas langwieriger, da zunächst der Gedankenstrom kaum abreißt. Was beispielsweise hilft, in die Ruhe zu gehen, sind Atemübungen zu Beginn und eine bequeme Sitzhaltung. Manchmal überdecke ich Alltagsgeräusche mit leiser Meditationsmusik und stelle eine Stoppuhr, um nicht darüber nachzudenken, wie lange ich eigentlich schon meditiere.
Gedankengänge betrachte ich als Wolken, zwischen denen immer wieder der blaue Himmel, die Ewigkeit durchspitzt. Ich lasse die Wolken ziehen, ohne sie festhalten zu wollen.
Gedanken können auch als Boote auf einem ewigen Strom gesehen werden. Ich versehe ihre Segel dann mit Überschriften, wie „unbezahlte Rechnung“ oder „Epstein Gedöns“ und lasse sie weiterschwimmen. Der Strom ist ohne Zeit und Raum und wir sind im Hier und Jetzt.
Unsere Seele braucht Niemanden außer uns für das Zwiegespräch mit dem Universum.
Quellen:
Von mir verfasster Text, vielen Dank an Monika fürs Korrekturlesen.
Bernhard Pörksen “Der entfesselte Skandal”, Die Zeit 11/2026



